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Alt 30.10.2010, 18:53
Eva40 Eva40 ist offline
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Standard Dämonen, Engel und viele Geheimnisse!

Das Engelwerk: Der Vatikan hat den umstrittenen
Geheimbund als kirchliche Bewegung anerkannt. Der Kurier durfte erstmals einen Blick hinter die Mauern ihres Zentrums, einer Burg in Tirol, werfen.


Eine verschlungene Straße führt durch den dichten Wald auf den Petersberg.
Vorbei an einer Schranke, einer Zapfsäule, einem Wasserkraftwerk, einem Teich und einem einsam den Berg flankierenden Wehrturm.
Herbstlich bunte Idylle allerorten.
Und am Ende des Weges, auf der Schattenseite des Tiroler Inntales bei Silz, die Burg Petersberg, Sitz und zentrale Wirkungsstätte des umstrittenes Werks der Heiligen Engel.

In den 1960er-Jahren hat das Engelwerk die mittelalterliche Burg gekauft und für ihre Zwecke adaptiert, 20 Hektar Wald und Wiesen für die eigene Landwirtschaft inklusive. 24 Priester und Laienbrüder leben heute hier.
Im Tal, wo vor zehn Jahren ein Schwesternheim errichtet wurde, sind es noch einmal 40 Ordensschwestern.

Eine verschworene Gemeinschaft
„Touristische Besichtigungen sind leider nicht möglich“, steht auf einer Schautafel, die über die wechselvolle Geschichte der Burg Auskunft gibt.
So gerne öffnet man die Tore hier nicht, um Fremde einzulassen.
Es ist eine verschworene, weltweite Gemeinschaft, die sich hier ein Refugium geschaffen hat.
Umso überraschender die Zusage an den Kurier, der als erstes Medium überhaupt einen Blick hinter die dicken Mauern der Burg Petersberg – bzw. von St. Petersberg, wie es jetzt heißt – werfen durfte.
Vieles wurde uns gezeigt.
Und so manches nicht.
Pater Leopold holt uns vom Parkplatz ab.
Neuankömmlinge bleiben hier nicht lange allein.
Mit bürgerlichem Namen heißt er Wolfgang Selhofer, doch das tut hier nichts zur Sache – wer dem Engelwerk beitritt, lässt alles zurück, oft zum Leidwesen seiner Angehörigen.
Er stammt aus Niederösterreich, ist 1993 dem Orden beigetreten – also noch unter Bischof Kurt Krenn, dem immer eine Nähe zum Engelwerk nachgesagt worden ist. Er hat in Brasilien auf der ordenseigenen Hochschule studiert und ist heute Vikar und stellvertretender Oberer, also Leiter, von St. Petersberg.
Seinen obersten Chef, Pater Markus Hubrich, bekommen wir nicht zu Gesicht.
Der dürfte weniger leutselig sein als der 36-jährige Pater Leopold – zumindest erzählt man sich das in Silz, unweit der Burg, wo man den obersten Tiroler Engelwerker noch nie gesehen hat.

Zwölf Klöster umfasst das Engelwerk heute weltweit mit Dependancen in Portugal, Mexiko und Brasilien.
Nur 130 männliche und 300 weibliche Mitglieder zählt die Glaubensgemeinschaft offiziell – das sind jene Menschen, die sich ganz dem Dienst an Gott in einem der Klöster verschrieben haben.
Rund eine Million Anhänger, darunter rund 50 Bischöfe und mehrere Kardinäle, werden dem Engelwerk zugeschrieben.

Über den Burghof, in dessen Mitte ein großes Holzkreuz samt Altar steht, geht es in die burgeigene Kirche „Zur Heiligen Dreifaltigkeit“.
Sie ist ganz dem Buch der Offenbarung, also der biblischen Darstellung der Apokalypse, gewidmet:
An den Seitenwänden Fresken von Roswitha Bitterlich, der Tochter jener Gabriele Bitterlich, auf deren angebliche Visionen die Lehren des Engelwerks zurückgehen. Später werden wir ihr Grab an der Burgmauer besuchen:
Kein Name steht auf dem Holzkreuz, lediglich: „Gott ist gut, Mutter“.
„Mutter“, so wird Gabriele Bitterlich beim Engelwerk genannt.

Verhärmt und leidend sind die Engel über dem Altar und an den Seitenwänden dargestellt.
Das hat wohl mit der deprimierenden Thematik, dem Weltuntergang, zu tun. Immerhin sind die Engel in der Offenbarung so etwas wie die Vollstrecker des Herrn, die Unheil über die Menschheit bringen.
„Heute würde man das vielleicht nicht mehr so darstellen“, sagt Pater Leopold.

Als er dem Orden beigetreten ist, hatte das Engelwerk die turbulentesten Zeiten schon hinter sich.
Sektentum, Machtstreben und Geheimnistuerei waren noch die gelindesten Vorwürfe.
Durch Abschottung von der Außenwelt sowie Indoktrination und Angstmache gefährde das Engelwerk das Leben oft junger Menschen und zerstöre Familien. Verbrieft ist etwa der Fall einer 26-Jährigen, die 1991 nach einer „Bergwoche“ beim Engelwerk eine Woche als vermisst galt, ehe sie abgemagert und verängstigt in einem Wald entdeckt wurde.

Im selben Jahr wurde eine „Initiative engelwerkgeschädigter Eltern“ gegründet.
Zwei Dutzend Familien aus Österreich und Deutschland haben sich zusammengeschlossen, „aus deren Mitte wenigstens ein Angehöriger durch den Einfluss des Engelwerks schwere und schwerste Beeinträchtigungen erlitten hat“, wie es damals in der Presseerklärung hieß.
Bis heute existiert die Initiative und kümmert sich nach Eigenaussage um 30 Familien.

Pater Leopold kennt den Verein, und er kennt die immer wiederkehrenden Vorwürfe: „Ja, natürlich, da sind gewisse Fälle gewesen, wo mit Sicherheit unklug gehandelt worden ist“, sagt er, „das Werk der hl. Engel hat aber dazugelernt.“
Dafür spricht zumindest, dass aus den vergangenen Jahren kein vergleichbarer Fall an die Öffentlichkeit gelangt ist.
Seit der Vatikan ein Auge auf den Orden geworfen hat, ist es still geworden um die Burg in Silz.

Unter Aufsicht des Vatikans
Schon Anfang der 1980er-Jahre sah sich die Glaubenskongregation unter Vorsitz von Kardinal Joseph Ratzinger, dem heutigen Papst Benedikt XVI., gezwungen, dem Treiben des Engelwerks einen Riegel vorzuschieben:
Das dem Engelwerk eigene Schweigeversprechen wurde verboten.
1992 wurde der Vatikan in einem Dekret noch deutlicher, weil er seine Vorgaben nicht erfüllt sah.
„Engelweihe“ und „Fernspendung“ von Sakramenten wurden untersagt.
Und weiter:
„Die Theorien aus den von Frau Bitterlich empfangenen vorgeblichen Offenbarungen über die Welt der Engel, ihre persönlichen Namen, ihre Gruppen und Aufgaben, dürfen weder gelehrt noch in irgendeiner Weise (...) verwendet werden.“

Ab Ende der 90er-Jahre nähern sich Vatikan und Engelwerk wieder schrittweise an, bis im Jahr 2008 die erneuerten Statuten des Engelwerks, wie erst jetzt bekannt wurde, vom Vatikan offiziell anerkannt werden – vorausgesetzt, die Einschränkungen laut Dekret von 1992 werden weiter eingehalten.
Rund 80.000 Seiten umfassen die Aufzeichnungen über die angeblichen Visionen der Gabriele Bitterlich, das bestätigt uns auch Pater Leopold, auf dessen Burg die Schriften gelagert werden – sehen dürfen wir sie nicht.
Die „Mutter“ entwickelte darin eine bizarre Welt der Engel und Dämonen, wo unter anderem auch Götzen, böse Geister und Magier ihren Platz haben.
Hebammen, Zigeuner, schwarze Katzen und Hennen, glatthaarige Hunde sowie Schweine, Schlangen und Ratten seien unter anderen besonders anfällig für dämonische Einflüsse.
Das Ganze ist geknüpft an ein Heilsversprechen:
Nur durch die Verehrung der Engel kann man sich vor den Dämonen schützen.

Paranoide Schizophrenie
1961 sind die Schriften in einem stets unter Verschluss gehaltenen „Handbuch des Engelwerks“ erschienen.
Nur durch eine Indiskretion im Vatikan ist es Ende der 1980er-Jahre überhaupt an die Öffentlichkeit gelangt.
In einem Gutachten über das Werk führte der deutsche Theologe Johann Auer die Visionen der Gabriele Bitterlich auf „eine paranoide Schizophrenie“ zurück.

Für Pater Leopold und seine Brüder sind und bleiben die Bitterlich-Schriften Grundlage der Arbeit – wenn auch eingeschränkt, also ohne diesen Hokuspokus aus Magiern und schwarzen Katzen:
„Die Glaubenskongregation hat nicht die Schrift als Ganzes verboten, sondern nur jene Teile, die sich nicht aus der hl. Schrift ableiten lassen.“
Diese Sichtweise hat auch den Segen des Vatikan.
Daniel Ols, von Rom entsandter Engelwerk-Aufseher, hat im März in einem Schreiben festgehalten:
Die Herausgabe der Bitterlich-Texte zum Gebrauch durch die Mitglieder werde „zweifellos eine bedeutende Rolle bei der Fortsetzung des eingeschlagenen Weges spielen“.
Welcher Weg das sein wird? Das wissen nur der Vatikan – und der liebe Gott.


© 31.10.2010 kurier

.
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Chris (30.10.2010), janu (31.10.2010), Mariza03 (30.10.2010), Omi_2006 (30.10.2010), susibella (30.10.2010)
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